Mit Schneeschuhen in die Churfirsten

Nach vielen Monaten der Einschränkung haben wir gegen Ende der Wintersaison langsam Organisationsformen gefunden, die allen Schwierigkeiten zum Trotz sichere Ausflüge in den Schnee erlauben. So treffen wir uns Anfangs März in Winterthur mit den Pios des Rings Pictor.

Was für ein Start: Alle TN haben heute den Weg zum Treffpunkt gefunden und wir können genauso viele Schneeschuhe und Sicherheitsausrüstungen verteilen wie angemeldet waren! Nur ein Leiter schien seinen hauseigenen Piz Matratz den Ruggs und Stolls im Toggenburg vorzuziehen… Nicht weiter schlimm, als NachZügler sollte er uns bald einholen können.

Aufgrund des frühlingshaften Februars hat sich das Winterwunderland ziemlich in die Höhe zurückgezogen. So geht es also mit IC, S-Bahn und Postauto bis nach in Alt St.Johann, wo unser vorbestellte Gruppenbillet wie versprochen bereitlag. Das läuft ja wie am Schnürchen. Nach einem letzten Materialcheck und Toilettenbesuch schweben wir nun in Richtung Alp Sellamat, wo uns eine frischer, weisser Pulverzucker erwartet. Hier teilen wir uns in drei Gruppen, schnallen die Schneeschuhe unter die Füsse, kontrollieren unsere Lawinensuchgeräte und wackeln los.

Kaum 20 Meter gelaufen, wartet der Schneeschuhpfad bereits mit einem steilen Abstieg auf, der mit den ungewohnten Geräten am Fuss nicht ganz einfach zu bewältigen war. Wir meistern diese Passage laufend, rutschend oder purzelnd, auf jeden Fall aber unversehrt. Nun geht’s «bergwärts» durch weisse Tannenwälder, an Alphütten vorbei und manchmal auch quer über Langlaufloipen. Schon bald tauchen wir aus den Wolken aus und können dank strahlendem Sonnenschein die Ärmel hochkrempeln und Sonnenbrille aufsetzen. La vie est belle.

Mit spannenden Gesprächen und eingängigen Disney-Songs arbeiten wir uns hoch, legen von Zeit zu Zeit kleine Verschnaufpausen ein und diskutieren über spezielle Gefahren im Bergsport von Abstürzen über Gletscherspalten bis zu Lawinenkunde. Während der Mittagspause können wir sogar zwei eindrückliche Lockerschnee-abgänge aus den warmen Felsen live miterleben.

Wir halten uns weit von diesen Felsbändern weg und steigen dank der Steighilfen in direkter Linie die weiten Hänge des Gluristal empor. Wie so oft in den Churfirsten drückt uns der Föhn immer mehr Wind und Wolken entgegen, sodass bald wieder Handschuhe und Winterjacken die Mode dominieren. Trotzdem kommen wir gut voran und sehen uns kurz nach Mittag dem etwas steileren Schlusshang gegenüber. «Kann ja nicht so schwierig sein», sagen wir uns und nehmen ihn mit der Hoffnung auf etwas Gipfelsonne in Angriff.

Na ja. Der Neuschnee der letzten Nacht liegt hier auf einer hart gefrorenen Kruste, die wir nicht mal mit den Zähnen der Schneeschuhe durchbrechen können. So pflügen wir uns rutschend, keuchend und teilweise auch fluchend Schritt für Schritt vorwärts. Einige kämpfen sich bis oben durch, während andere umkehren und eine längere Pause in der Sonne geniessen. Beides schön.

Oben angekommen war nichts von den versprochenen Tiefblicken auf den Walensee zu erkennen, nur die Flumserberge scheinen von Zeit zu Zeit etwas durch. Ein kurzes Gipfelfoto und schon machen wir uns an den Abstieg. Dieser ist mindestens so abenteuerlich, aber deutlich weniger anstrengend als der Aufstieg. Meist in grossen Schritten, manchmal aber auch auf dem Hintern oder gar dem Bauch geht’s rasch hinunter, bis beim Mittagsplatz alle wieder zueinanderfinden. Hier packen wir unsere Lawinensuchgeräte, Sonden und Schaufeln aus und begeben uns auf die Suche nach einem Lawinenopfer. Gemeinsam orten wir das Signal, sondieren einen weichen Körper und schaufeln ihn erfolgreich frei. Zwar entpuppt es sich nur als Rucksack, aber im Ernstfall wäre der Ablauf derselbe.

Unser Tag und unsere Energie neigt sich dem Ende. Wir trotten zurück zum Sessellift, fahren ins Tal und erwischen sogar ein früheres Postauto als geplant. Zurück in Winterthur sammeln wir alles Mietmaterial können einen langen Tag verlust- und verletzungsfrei (ausser einer kaputten Sonde, was aber ebenfalls aufs Konto eines Leiters geht) beenden.

Im Moment, in dem ich diesen Bericht schreibe, schneit es in dicken Flocken vor dem Fenster. Vielleicht das letzte Mal für diesen Winter. Doch hoch oben findet sich noch lange guter Schnee und hier unten bieten Wälder, Hügel und Felsen genügend Möglichkeiten für andere Abenteuer.